Wer Pflanzen liebt, kennt das Problem der dunklen Jahreshälfte. Draußen ruht der Garten, drinnen kämpfen die Zimmerpflanzen mit dem Lichtmangel, und die Sehnsucht nach Grün bleibt. Eine Antwort darauf ist so alt wie naheliegend und erlebt seit einigen Jahren ein erstaunliches Comeback: Pflanzen an die Wand hängen, und zwar gezeichnete.
Botanische Illustration war nie als Dekoration gedacht. Sie entstand aus wissenschaftlicher Notwendigkeit, in einer Zeit ohne Fotografie, als die präzise Zeichnung die einzige Möglichkeit war, eine Art eindeutig festzuhalten. Die Nürnberger Prachtausgabe Hortus Eystettensis von 1613 dokumentierte den Garten des Eichstätter Fürstbischofs in Kupferstichen, an denen sich heute noch Gärtner festschauen können. Maria Sibylla Merian zeichnete Ende des 17. Jahrhunderts Pflanzen samt der Insekten, die auf ihnen leben, und legte damit Grundlagen der Insektenkunde. Und Köhlers Medizinal-Pflanzen von 1887, ein Standardwerk für Apotheker, enthält einige der meistreproduzierten Pflanzentafeln überhaupt.
Dass diese Tafeln heute in Wohnzimmern, Küchen und Praxen hängen, hat einen einfachen ästhetischen Grund. Botanische Illustrationen vereinen zwei Qualitäten, die selten zusammenkommen: die Ruhe eines Naturmotivs und die Präzision einer technischen Zeichnung. Sie wirken aufgeräumt, ohne steril zu sein, und sie passen erstaunlich breit, vom Landhausstil über skandinavisch reduzierte Räume bis zur Altbauwohnung mit dunkelgrüner Wand.
Wer es weniger historisch mag, findet die moderne Verwandtschaft in fotografischen Naturbildern, von der freigestellten Monstera bis zur Palmenallee, gedruckt auf Leinwand oder hinter Acrylglas. Der Unterschied zur Vintage-Tafel ist vor allem eine Stilfrage: Die alte Lithografie mit Beschriftung wirkt wie aus dem Studierzimmer, das großformatige Blattmotiv in satten Farben eher wie ein Fenster in die Vegetation. Beide Richtungen holen dasselbe ins Haus, nämlich Grün, das keine Pflege braucht und im Februar genauso aussieht wie im Juli.
Bei der Motivwahl haben Pflanzenmenschen einen schönen Vorteil gegenüber allen anderen: eine persönliche Verbindung zum Sujet. Die Tomatensorte, die jedes Jahr im eigenen Beet steht, die Ringelblume aus dem Bauerngarten der Großmutter, der Rittersporn, an dem drei Anläufe gescheitert sind, all das gibt es als historische Tafel oder modernes Motiv. Ein Bild, zu dem es eine Geschichte gibt, hängt anders an der Wand als beliebige Deko. Sammler gehen noch einen Schritt weiter und hängen ganze Serien: vier Kräutertafeln in der Küche, Obstbaumtafeln im Esszimmer, Giftpflanzen mit ihren dramatischen Namen im Arbeitszimmer.
Für Gartenmenschen taugt das Thema übrigens auch als Geschenklösung, und zwar als eine der wenigen, die bei dieser Zielgruppe zuverlässig funktioniert. Wer einem passionierten Gärtner etwas schenken will, scheitert an Werkzeug (hat er schon, und zwar das bessere) und an Pflanzen (will er selbst aussuchen). Die botanische Tafel seiner Lieblingssorte trifft dagegen genau den Nerv: persönlich, haltbar und mit Fachwissen ausgesucht. Zur Einweihung des ersten Gartens, zum Ruhestand des Kollegen mit der Rosensammlung, oder als Trost für den Balkongärtner, dessen Tomaten die Braunfäule erwischt hat, die Tafel bleibt, wenn die Ernte ausfällt.
Ein praktischer Hinweis für alle, die es originalgetreu mögen: Viele historische Werke sind inzwischen hochauflösend digitalisiert und gemeinfrei. Die Biodiversity Heritage Library etwa stellt Millionen Seiten botanischer Literatur online, aus denen sich Tafeln legal herunterladen lassen. Der Weg vom Scan zum brauchbaren Wandbild ist allerdings weiter, als er aussieht. Alte Drucke haben Stockflecken, vergilbtes Papier und Auflösungsgrenzen, und der Heimdrucker macht daraus selten mehr als ein ordentliches A4-Blatt. Wer Formate über 40, 50 Zentimeter will, kommt um professionell aufbereitete Drucke auf stabilen Trägern nicht herum, dort sind die Vorlagen retuschiert und für Großformate aufbereitet.
Zur Hängung passt bei botanischen Motiven fast alles, was sonst Regeln braucht. Kleine Tafeln wirken am besten in Gruppen mit gleichen Rahmen und gleichmäßigen Abständen, das zitiert die Systematik ihrer wissenschaftlichen Herkunft. Ein einzelnes großes Blattmotiv trägt dagegen problemlos eine ganze Wand über dem Sofa. Und wer zwischen echten Pflanzen hängt, sollte auf etwas Abstand achten, damit gegossen werden kann, ohne dass Spritzer aufs Bild gehen. Überhaupt sind Pflanzen und Pflanzenbilder keine Konkurrenz, sondern verstärken sich: Das Bild liefert die Größe und Dramatik, die eine Fensterbank-Sammlung nicht hat, die echten Pflanzen liefern das Leben.
Auch für die Räume, in denen echtes Grün scheitert, sind Pflanzenmotive die einfachste Lösung. Der dunkle Flur, in dem selbst die Schusterpalme aufgibt, das fensterlose Gäste-WC, die Ecke hinter der Tür: Überall dort ersetzt das Motiv, was der Standort nicht hergibt. Im Schlafzimmer, wo manche aus Prinzip keine Pflanzen wollen, schaffen große Blätter in gedecktem Grün eine ruhige Stimmung, ganz ohne Diskussion über nächtlichen Sauerstoff.
Wer tiefer einsteigen will, entdeckt in den historischen Werken ganze Erzählungen. Merians Tafeln zeigen nicht die perfekte Pflanze, sondern die bewohnte: angefressene Blätter, Raupen, Puppen, Falter, ein kleines Ökosystem pro Blatt. Das ist erstaunlich modern gedacht, näher am Naturgarten mit Totholzecke als am Vorzeigebeet, und macht diese Tafeln zu einem hintergründigeren Wandschmuck, als ihr dekoratives Äußeres vermuten lässt. Auch die Beschriftungen haben ihren Reiz: Lateinische Namen in Kupferstich-Typografie geben selbst einem Küchenkraut die Würde eines Museumsstücks.
Ein Wort noch zur Küche, dem traditionellen Ort der Kräutertafel. Dort gilt materialbedingt: Papierdrucke und offene Leinwände leiden unter Dampf und Fett, wischfeste Träger wie Acrylglas oder Aluminium halten durch. Die Kräutertafel überm Esstisch ist übrigens einer der wenigen Fälle, in denen das kulinarische Motiv in der Küche nicht nach Katalog aussieht, vermutlich, weil sie älter ist als jeder Einrichtungstrend.
Das Bad verdient noch einen eigenen Satz, weil dort tropische Motive ihren natürlichen Standort haben. Eukalyptus, Monstera und Farn passen zur Feuchtraum-Assoziation, und mit wischfestem Träger übersteht das Motiv auch die tägliche Duschfeuchte. Wer morgens zwischen weißen Fliesen aufwacht, unterschätzt leicht, was ein einziges großes Blattmotiv dort verändert: Aus dem Nassbereich wird ein Raum mit Klima.
Vielleicht ist das überhaupt der Grund, warum botanische Motive Konjunkturen überstehen, die andere Wandbilder kommen und gehen lassen. Sie waren nie modisch gemeint. Eine Pflanzentafel von 1887 hing damals in Apotheken, hängt heute in Altbauwohnungen und wird in zwanzig Jahren immer noch irgendwo hängen. Für alle, die ihre Wände nicht alle drei Jahre neu bestücken wollen, ist das ein ziemlich gutes Argument. Und für Gartenmenschen sowieso: Der Garten ruht im Winter. Die Wand nicht.
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